Staatliche Schulberatung Stark durch Wohlbefinden: Das PERMA-Modell für Schule und Unterricht
Schule ist weit mehr als ein Ort der Wissensvermittlung. Damit Schülerinnen und Schüler ihr Potenzial entfalten können, brauchen sie auch positive Lernerfahrungen und ein Umfeld, in dem sie sich wohlfühlen. Das PERMA-Modell von Martin Seligman, einem der Begründer der Positiven Psychologie, zeigt auf, welche Faktoren Wohlbefinden fördern und junge Menschen emotional, sozial und schulisch stärken.
PERMA steht für fünf Säulen des Wohlbefindens:
Positive Emotionen
Engagement (Stärken & Flow)
Relationships (Beziehungen)
Meaning (Sinnhaftigkeit)
Accomplishment (Fortschritte & Erfolge)
Man kann sich die einzelnen Bereiche des PERMA-Modells wie Batterien vorstellen: Sind sie gut aufgeladen, stärken sie Motivation, Lernfreude und Belastbarkeit im Schulalltag. Sind sie hingegen dauerhaft leer oder nur schwach geladen, nehmen Stress, Demotivation und Schulfrust spürbar zu.
P – Positive Emotionen: Lernen braucht gute Gefühle
Freude, Neugier, Hoffnung oder Stolz sind kein „Extra“, sondern echte Lernverstärker. Schülerinnen und Schüler, die positive Emotionen erleben, sind aufmerksamer, kreativer und bleiben bei Herausforderungen eher dran.
Was steckt dahinter? Die Broaden-and-Build-Theorie
Die sogenannte Broaden-and-Build-Theorie beschreibt, wie positive Emotionen unser Denken und Handeln beeinflussen: Sie erweitern unseren Blick („broaden“) und helfen dabei, langfristig persönliche Ressourcen aufzubauen („build“).
Wenn wir positive Gefühle erleben, wie Freude, Interesse, Dankbarkeit oder Verbundenheit, verändert sich unser Denken spürbar:
• Wir nehmen mehr Möglichkeiten wahr
• Wir handeln flexibler und neugieriger
• Wir stärken soziale, kognitive und auch körperliche Ressourcen
Ein Beispiel: Wer in einer positiven Stimmung ist, findet oft schneller Lösungen, geht offener auf andere zu und entwickelt eher neue Ideen.
Mini-Tool: Positiver Tagesrückblick
Eine einfache, aber wirkungsvolle Methode ist das „Three Blessings“-Ritual – der tägliche Blick auf drei gute Dinge. Diese kurze Reflexion am Tagesende hilft, den Fokus bewusst auf Positives zu lenken und wirkt nachweislich als kleiner Stresspuffer.
Leitfragen können sein:
• Was ist mir heute gut gelungen?
• Worüber habe ich mich gefreut?
• Wem bin ich heute dankbar?
Tipp für die Praxis: Im Unterricht kann diese Übung am Ende einer Stunde oder eines Schultags eingesetzt werden – etwa im Lerntagebuch oder auf einem kleinen Zettel. Wichtig ist: ohne Bewertung, in Ruhe und für sich selbst.
E – Engagement: Lernen mit Flow statt Zwang
Wenn Schülerinnen und Schüler ihre individuellen Stärken einsetzen können, entsteht oft ein Zustand des „Flow“: volle Konzentration, ein Gefühl von Sinnhaftigkeit und hohe intrinsische Motivation.
Weg vom Fehlerfokus – freie Sicht auf Potenziale
Der klassische Fehlerfokus ist im schulischen Kontext weit verbreitet. Unsere Wahrnehmung ist dabei nicht zufällig geprägt: Das menschliche Gehirn ist evolutionär darauf ausgerichtet, Risiken und Probleme besonders schnell zu erkennen – der sogenannte „Negativity Bias“. Das führt dazu, dass wir Schwächen oft stärker wahrnehmen als Stärken und Fehler intensiver analysieren als Erfolge. Für das Überleben ist das sinnvoll, für Entwicklung und Lernen jedoch nur bedingt förderlich.
Wird der Blick bewusst erweitert, verändert sich die Perspektive: Schülerinnen und Schüler erkennen mehr Handlungsmöglichkeiten, nehmen Ressourcen wahr und sehen neben Problemen auch Potenziale.
Im Unterricht kann dieser Perspektivwechsel ganz konkret gestaltet werden:
- Wahlmöglichkeiten bei Aufgaben
Beispiel: „Erkläre den Klimawandel“ – als Text, Präsentation, Plakat oder kurzes Video. So können sprachlich, kreativ oder kommunikativ begabte Schülerinnen und Schüler ihre Stärken gezielt einbringen.
- Lernen durch Lehren
Schülerinnen und Schüler erklären sich Inhalte gegenseitig. Beispiel: Ein Kind erklärt die Bruchrechnung, ein anderes stellt Rückfragen und ergänzt. Dabei werden Erklären, Zuhören und Strukturieren aktiviert – und das Verständnis vertieft sich.
- Kreative Zugänge
Statt reiner Textarbeit können Inhalte beispielsweise als Mindmap mit Farben, Symbolen und Skizzen dargestellt werden. Die Reflexion darüber fördert zusätzlich das eigene Verständnis.
- Kooperative Lernformen
Gemeinsames Arbeiten stärkt nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern auch soziale Fähigkeiten und Beziehungen in der Lerngruppe.
- Positives, prozessorientiertes Feedback
Im Mittelpunkt steht nicht nur das Ergebnis, sondern auch Einsatz, Strategie und Anstrengung.
R – Relationships: Beziehungen sind entscheidend
Gute Beziehungen zählen zu den stärksten Schutzfaktoren für psychische Gesundheit. Ein wertschätzendes Klassenklima schafft Sicherheit, stärkt die Lernbereitschaft und fördert ein Gefühl von Zugehörigkeit.
Was sind „gute Beziehungen“ in der Schule?
Gute Beziehungen zeigen sich vor allem daran, dass Schülerinnen und Schüler sich gesehen, respektiert und unabhängig von ihrer Leistung akzeptiert fühlen.
Konkret wird das im Schulalltag sichtbar, wenn:
• Schülerinnen und Schüler sich aktiv am Unterricht beteiligen
• eine angstfreie Atmosphäre herrscht („Ich darf Fragen stellen“, „Fehler sind erlaubt“)
• Gruppenarbeit konstruktiv und weitgehend konfliktfrei gelingt
• Humor und gegenseitiger Respekt zusammengehen („Ich werde nicht ausgelacht“)
• Lehrkräfte echten Zugang zur Klasse haben – nicht nur über Kontrolle, sondern über Beziehung
- Klassenrat und soziales Lernen
Probleme werden gemeinsam besprochen und gelöst, statt ausschließlich von außen entschieden zu werden. Schülerinnen und Schüler erleben Mitbestimmung, können Konflikte frühzeitig ansprechen und stärken dadurch ihre Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit.
- Kooperative Lernformen
Gemeinsames Lernen ist mehr als eine Methode – es ist Beziehungsarbeit. Beispiele sind Gruppenprojekte mit klar verteilten Rollen, „Lernen durch Lehren“ oder wechselnde Partnerarbeit. Das fördert gegenseitige Unterstützung, Perspektivwechsel und reduziert Konkurrenzdenken.
- Peer-Feedback
Rückmeldungen untereinander, etwa mit Leitfragen wie „Was hat dir an meiner Erklärung geholfen?“ oder „Was war noch unklar?“, stärken Kommunikationsfähigkeit, Vertrauen und machen Lernen sozial sichtbar.
- Teamübungen zur Klassengemeinschaft
Gemeinsame Problemlöseaufgaben, Kooperationsspiele oder Klassenprojekte (z. B. Raumgestaltung oder ein gemeinsames Event) fördern Zusammenhalt, bauen soziale Distanz ab und stärken das Wir-Gefühl.
- Freundlichkeitsaktionen
Kleine Gesten im Alltag – helfen, ein Kompliment machen, Material teilen oder jemandem Mut zusprechen – wirken oft stärker als erwartet. Sie fördern positive Emotionen, stärken die Verbundenheit und prägen das Klassenklima nachhaltig.
M – Meaning: Wozu mache ich das eigentlich?
Lernen entfaltet seine volle Wirkung dann, wenn es als sinnvoll erlebt wird. Schülerinnen und Schüler brauchen das Gefühl, dass Schule einen Bezug zu ihrem Leben, ihren Werten und der realen Welt hat.
Sinn entsteht vor allem dann, wenn Schülerinnen und Schüler den Nutzen von Lerninhalten erkennen, Verantwortung für eigene Lernprozesse übernehmen dürfen und erleben, dass ihr Handeln für andere von Bedeutung ist.
- Praxisbeispiel: Mathematik im echten Leben – ein Einkaufs- oder Budgetprojekt
Anstatt isolierte Rechenaufgaben im Heft zu bearbeiten, arbeiten Schülerinnen und Schüler an einer realitätsnahen Aufgabe: „Du hast 50 € Budget für eine Klassenfahrt – plane Essen, Tickets und kleine Extras.“
Der Ablauf kann dabei so aussehen:
1. Preise werden recherchiert (z. B. Supermarkt, Bahn, Online-Angebote)
2. Gruppen entwickeln einen realistischen Budgetplan
3. Am Ende wird präsentiert und begründet: „Warum ist unser Plan sinnvoll?“Das Sinn-Erleben wird unmittelbar sichtbar: Mathematik wird als alltagsrelevant erfahren, Entscheidungen werden nachvollziehbar, und Verantwortung für ein begrenztes Budget wird konkret erlebbar. Lernen wird so mit Selbstständigkeit und Lebensweltbezug verknüpft.
- Weitere Praxisideen:
- Konsequente Einbindung von Alltags- und Lebensbezügen im Unterricht
- Projekte mit sozialem oder gesellschaftlichem Nutzen
- Gespräche über Werte, Ziele und Zukunftsperspektiven
- Gezielte Reflexionsfragen wie: „Warum könnte das für dein Leben wichtig sein?“
A – Accomplishment: Fortschritte und Erfolge sehen
Erfolge wirken motivierend – doch nicht jeder Erfolg muss eine Eins sein. Aus schulpsychologischer Perspektive sind vor allem individuelle Fortschritte entscheidend, die das Gefühl von Entwicklung und persönlicher Zufriedenheit stärken.
Damit Fortschritte sichtbar und erreichbar werden, helfen klar formulierte Ziele nach dem SMART-Prinzip:
S – Spezifisch: „Ich will lernen, Gleichungen zu lösen“
M – Messbar: „Ich löse 10 Aufgaben fehlerfrei“
A – Akzeptiert: „Ich weiß, was ich erreichen möchte“
R – Realistisch: „Ich übe jeden Tag 15 Minuten Lesen“
T – Terminiert: „Ich lerne bis Freitag Kapitel 3“
Anstrengung anerkennen
Anstrengung zeigt, dass sich Schülerinnen und Schüler aktiv mit Lerninhalten auseinandersetzen. Gerade im Lernprozess ist sie ein zentraler Motor für Entwicklung.
Beispiel: Ein Schüler löst eine schwierige Matheaufgabe nicht sofort korrekt, probiert aber verschiedene Lösungswege aus und verbessert sich Schritt für Schritt. Pädagogisch bedeutsam ist hier nicht nur das richtige Ergebnis, sondern auch das Ausprobieren, das Nachdenken über Fehler und das konsequente Dranbleiben.
Durchhaltevermögen als Schlüsselkompetenz
Durchhaltevermögen bedeutet, auch bei Schwierigkeiten weiterzuarbeiten. Diese Fähigkeit ist häufig entscheidender für langfristigen Lernerfolg als Tempo oder Talent.
Beispiel: Eine Schülerin versteht ein Grammatikthema zunächst nicht, bleibt jedoch dran, stellt Fragen und übt weiter, bis sich das Verständnis nach und nach entwickelt.
Wichtig ist dabei: Fehler werden nicht als Scheitern bewertet, sondern als normaler Bestandteil des Lernprozesses. So bleibt Motivation stabil und Entwicklung wird möglich.
Kleine Schritte sichtbar machen
Fortschritt zeigt sich selten in großen Sprüngen, sondern in vielen kleinen Entwicklungen. Diese sichtbar zu machen ist zentral für Motivation – das Gefühl „Ich komme voran“ wird dadurch gestärkt.
- Praxisideen:
• individuelle Lernziele konsequent formulieren und reflektieren
• Lernjournale oder Fortschrittsübersichten nutzen
• Erfolge bewusst wahrnehmen und würdigen
• ein wachstumsorientiertes Denken (Growth Mindset) fördern
- Growth Mindset: Entwicklung statt Stillstand
Ein Growth Mindset beschreibt die Überzeugung, dass Lernen und Entwicklung möglich sind: Fähigkeiten können wachsen, Fehler gehören dazu und Anstrengung führt zu Fortschritt. Demgegenüber steht das Fixed Mindset („Entweder kann ich es oder nicht“).
Ein zentraler Leitsatz lautet: „Ich bin noch nicht gut darin – aber ich kann es lernen.“
Lehrkräfte können diese Haltung gezielt unterstützen durch:
1. Fehlerkultur stärken: Fehler als Lernchancen sichtbar machen und gemeinsam analysieren.
2. Anstrengung würdigen: „Du hast verschiedene Wege ausprobiert und bist drangeblieben“
3. Entwicklung betonen: Fortschritte sichtbar machen, z. B. durch Vorher–Nachher-Vergleiche
4. Feedback bewusst formulieren: Rückmeldungen auf Prozess und Strategie statt nur auf ErgebnisWer eigene Fortschritte wahrnimmt, entwickelt mehr Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten – und bleibt eher am Lernprozess dran. Das stärkt langfristig die Selbstwirksamkeitserwartung.
Reflexion zum Schluss
„Welcher deiner fünf Bereiche ist aktuell am wenigsten aufgeladen – und womit kannst du ihn heute ein kleines Stück wieder auftanken?“
Die Lernfreude steigt, wenn der Blick bewusst auf das „Nachladen“ der eigenen Ressourcen gerichtet wird. So wird deutlich: Es geht nicht nur darum, durch den Schulalltag zu kommen, sondern die eigenen „Batterien“ Schritt für Schritt wieder aufzufüllen.
Gelingt dieser Perspektivwechsel, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Schule zu einem Ort wird, an dem Schülerinnen und Schüler – und auch Lehrkräfte – nicht nur funktionieren, sondern nachhaltig aufblühen.