Inklusion Ein Tetraplegiker an einem ganz normalen Gymnasium in Oberfranken – und das soll funktionieren?
Tut es, und zwar richtig gut. Zwar kam Max auch deswegen vor 8 Jahren ans JCRG Hof, weil unser Lift als Einziger der drei Hofer Gymnasien groß genug für ihn und seinen elektrischen Rollstuhl war, aber dann hat sich schnell gezeigt, dass dies die absolut richtige Wahl war.
Aktuell befindet sich Max kurz vor den Abiturprüfungen. Trotzdem hat er sich die Zeit genommen unsere Fragen zu beantworten (A.d.R.: Das Interview wurde im April 2024 geführt):
Ich bin Max Feiler, 18 Jahre alt, ein riesiger Fan des FC Bayern München, das muss man auch über mich wissen, aber nebenbei besuche ich auch noch das Johann-Christian-Reinhart-Gymnasium in Hof. Dort stehe ich nun kurz vor dem Abitur. Meine Schullaufbahn kann also bisher nicht so unerfolgreich gewesen sein, obwohl mir nicht jeder so eine schulische Laufbahn zugetraut hat. Manche meinten, ich müsse auf eine spezielle Behindertenschule. Doch meine geistigen Fähigkeiten waren durch meinen Unfall, bei dem mich am 1. Mai 2011 ein Auto bei einem Oldtimerrennen erfasst hat, glücklicherweise nicht eingeschränkt. Nur meine körperlichen, seit dem Unfall bin ich halsabwärts gelähmt, aber zum Fahren eines Elektro-Rollstuhls reicht‘s. Geistig bin ich dagegen topfit. Daher gibt es keinen Grund, warum ich auf keine Regelschule gehen sollte. Und dort habe ich dann versucht, meine besten Leistungen zu bringen. So habe ich es bereits bis kurz vor den höchsten möglichen Schulabschluss geschafft.
Was hat dir über die Jahre hinweg am meisten geholfen, um den Weg am JCRG erfolgreich zu meistern?
Die tägliche Arbeit mit meiner Schulbegleiterin Verena, die es mir überhaupt erst ermöglicht meine schulischen Leistungen zu erbringen. Ohne sie würde das ganze System nicht aufgehen. Durch die lange Zeit seit der 6. Klasse sind wir zu einem eingespielten Team geworden, das wie eine gut geölte Maschine funktioniert. Zudem ist sie ein sehr offener, lebensfroher und kommunikativer Typ, der jeden mit seiner positiven Energie ansteckt und vor dem sich keiner verschließen kann. So bringt mir Verena meistens gute Laune, auch wenn der Tag mal nicht so meiner ist. Ohne die offene und engagierte Art meiner Lehrer wäre es nicht möglich gewesen meinen Alltag auf dem JCRG zu meistern. Sie nehmen auch Rücksicht auf mich, z. B. bei der Planung schulischer Aktivitäten. Beispielsweise hat mich der starke Wille von Herrn Fischer zu Beginn meiner Zeit am Gymnasium beeindruckt. Er wollte, dass ich unbedingt mit auf die Kennenlerntage in der 5. Klasse fahre, auch wenn die Unterkunft in Schwarzenbach am Wald nicht ganz barrierefrei war. Wir haben es dennoch mit einer Rampe geschafft. Meine Eltern und ich waren anfangs skeptisch. Für Herrn Fischer war es dennoch sehr wichtig, dass ich wie jeder andere an den Kennenlerntagen teilnehmen kann und sozial integriert bin. Das war meine erste, sehr positive Erfahrung mit den Lehrern des JCRGs bezüglich Inklusion. Zu guter Letzt ist auch meine eigene Einstellung und Motivation ein großer Aspekt, der mich immer wieder antreibt. Mich muss also meistens keine andere Person in den Arsch treten, das mache ich schon selbst.
Was war für dich die schönste Erfahrung / der schönste Moment?
Eben diese Kennenlerntage waren meine erste, sehr schöne und einprägsame Erfahrung an der neuen Schule. Damals war ja für mich auch alles so neu und erschien mir im Vergleich zu meiner Grundschule so groß und unvertraut. Aber das ist jetzt nach längerer Zeit am JCRG auch Geschichte. Jetzt fühle ich mich sehr wohl, heimisch und angekommen. Ein weiteres Erlebnis, das sehr einprägsam war, war der Besuch in der 11. Klasse an der KZ-Gedenkstätte in Buchenwald. So etwas ist sehr wichtig, auch wenn es für manchen nicht so leicht zu ertragen ist. Daran muss erinnert werden und es darf nie in Vergessenheit geraten. Das stellt auch einen sehr wichtigen Punkt im schulischen Bildungsauftrag dar. Vor dem Besuch der KZ-Gedenkstätte habe ich auch noch einen Spaziergang durch Weimar unternommen: die Schiller- und Goethe-Stadt. Ein weiteres Highlight war die Klassenfahrt nach Berlin in der 10. Klasse. Es war zwar schweineheiß, teilweise über 45°C, nicht einmal einen Fahrtwind gab es, es fühlte sich an wie in einem Backofen, trotzdem war es eine sehr schöne Reise mit vielen tollen, neuen Eindrücken. Solche schulischen Ausflüge bleiben im Gedächtnis und lassen mich positiv auf meine Schulzeit zurückblicken. Sie besteht also nicht nur aus kontinuierlichem Lernen, sondern auch aus schönen Erfahrungen und Momenten.
Was bedeutet für dich der Begriff „Inklusive Gesellschaft“ konkret?
Dass jeder die Möglichkeit bekommt sich aktiv in einen Prozess einzubringen, nicht ausgeschlossen oder benachteiligt wird und daran teilhaben kann.
Welches waren die größten schulischen Herausforderungen?
Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich mich jeder Herausforderung stelle. Solche sind dann natürlich nicht einfach, aber zu bewältigen. Konkret sind es für mich Fächer wie Mathe, Chemie, Physik und Informatik, in denen nicht meine Stärken liegen. Auch Musik war nichts für mich, da bei mir keine musische Ader vorhanden ist. Ich war so froh, als ich viele meiner Fächer, die mir nicht so lagen, zur Oberstufe abwählen konnte. Allgemein bin ich nicht der naturwissenschaftlich-mathematische Typ, dann lieber etwas wie Geschichte, Geografie oder Sozialkunde. Zudem ist es immer in Klausuren etc. eine Herausforderung ein richtiges Zeitmanagement zu finden. Man hat viel im Kopf, viel gelernt und das muss man jetzt in der vorgegebenen Zeit zu den Aufgaben passend aufs Blatt bringen. Auch wenn ich 50% mehr Zeit als der Rest meiner Klassenkameraden zu Verfügung habe, muss ich zügig arbeiten und die Zeit im Blick behalten. In früheren Klassenstufen musste ich auch häufiger in Fachräume wechseln. Dann musste ich schnell den Aufzug in eine andere Etage nehmen und versuchen pünktlich zum nächsten Fach zu kommen, was mir nicht immer gelang. Aber grundsätzlich haben die, die den Stundenplan erstellen, schon auf mich und meine Situation Rücksicht genommen und die Stunden möglichst viel in einen Raum gelegt. Natürlich gibt es für manche Fächer auch Fachräume, da ist es dann nicht möglich im selben Raum zu bleiben.
Was wünschst du dir für die Weiterentwicklung der Inklusion im bayerischen Schulsystem?
Für die weitere Entwicklung der Inklusion an Schulen ist es wichtig, erstmal die infrastrukturellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, wie ein genügend großer Aufzug oder allgemein Aufzüge zum Erreichen aller Klassenräume. Zudem ist bei manchen möglicherweise noch ein falsches Mindset vorhanden. Sie sind also noch der Ansicht, dass Menschen mit Behinderung an gesonderte Schulen gehören und nicht an Regelschulen. Mein Eindruck ist aber, dass solche Meinungen immer weniger vorherrschen und Inklusion in dem Punkt auf einem guten Weg ist.
Wie geht es für dich weiter nach der Schule? Welchen beruflichen Weg möchtest du einschlagen?
Zunächst einmal möchte ich nach meinem Abitur ungefähr ein Jahr Pause einlegen, um auf neue Gedanken zu kommen und meinem Kopf eine Verschnaufpause zu gönnen. In dieser möchte ich dann einige Städte bereisen und neue Eindrücke sammeln. Ich möchte auch Spiele meiner Herzensmannschaft, dem FC Bayern München, besuchen. Oder auch Spiele meiner Heimatmannschaft, der SpVgg Bayern Hof. Aber ich will auch einen passenden Studiengang an der Universität Bayreuth für mich heraussuchen. Für mich kommen Gesellschafts- oder Kulturwissenschaften in Frage, also z.B. Politik, Geschichte, Kultur, Soziologie oder Journalismus. Hauptsächlich möchte ich nach dem Abitur aber erstmal meine neu gewonnene Frei(z/h)eit genießen.
Wie fühlst du dich als Inklusionsschüler?
Ich fühle mich nicht als etwas Besonderes oder Anderes, sondern wie jeder andere Schüler. Na klar, mir ist bewusst, dass jemand wie ich auffällt und nicht der vermeintlichen „Norm“ entspricht. Aber was ist „normal“? Dennoch gehe ich ganz normal mit dem Gefühl wie jeder andere jeden Tag zur Schule.
Du warst in mehreren Schuljahren unter den besten Schülerinnen und Schülern deines Jahrgangs. Was treibt dich an?
Das freut mich zu hören. Da haben sich ja offensichtlich mein Ehrgeiz und mein innerer Antrieb ausgezahlt. Gute Noten sind am Ende das Resultat von gutem Lernaufwand. Zu diesem treibt mich mein unbedingter Wille, immer gute Leistungen zu erbringen, an. Schlechte Noten bilden für mich aber auch einen Antrieb besser zu werden. Denn das Gefühl nach einer schlechten Note ist nicht schön und ich möchte dies nicht noch einmal erleben. Dann lerne ich noch intensiver und präziser. Gute Noten geben mir die Bestätigung, dass sich der Lernaufwand ausgezahlt hat und ich die erwünschte Leistung erbringen konnte. Dadurch möchte ich dieses Gefühl einer guten Note immer wieder wiederholen. Das ist sozusagen wie ein positiver Teufelskreislauf.
Du bist ein Vorbild für andere Schülerinnen und Schüler in einer ähnlichen Situation. Was möchtest du ihnen mit auf den Weg geben?
Das freut mich ebenfalls zu hören. Anderen Schülern möchte ich mitgeben, dass sie immer an sich selbst glauben müssen und niemals an sich selbst zweifeln dürfen, egal in welcher Lebenssituation. Sie sind wie jeder Mensch einzigartig und haben einen essenziellen Wert für die Gesellschaft. Jeder kann seinen Teil zu einer besseren Welt beitragen. Jeder kann alles erreichen, was er möchte. Der Wille ist stärker als irgendwelche Barrieren: Wo ein Wille, da auch ein Weg. Es gibt keine Grenzen, die Grenzen sind im Kopf.